Auf dieser Etappe haben wir wieder den alten, vertrauten Rhythmus drauf: morgens bergauf und nachmittags bergab. Es ist gerade hell, als wir durch die hübschen weißen Gassen von Ubrique zum ersten Hang gehen. Wir kommen an vielen Lederfabriken, Gerbereien und Läden vorbei, in denen Ledertäschchen, Geldbörsen und Jacken verkauft werden. Ubrique ist in Spanien als die handwerkliche Lederhauptstadt der Welt schlechthin bekannt, und das sieht man. 80% der Bevölkerung leben direkt oder indirekt vom Lederhandwerk, das hier schon seit Jahrtausenden betrieben wird. Das hat ein sehr schönes und lebendiges Städtchen hervorgebracht, wie wir gestern an unserem Ruhetag gesehen haben, als wir am Nachmittag durch die zickzackenden weißen Gassen und das gemütliche Zentrum gebummelt sind. Jetzt gehen wir wieder mit dem Rucksack auf dem Rücken aus dem Ort hinaus, auf dem Weg zum nächsten. Schon bald geht es bergauf über die typischen alten Steinwege, die schon im Mittelalter benutzt und ursprünglich sogar von den Römern angelegt wurden. Für die Pferde und Esel, die damals Karren über diese Wege zogen, ist nur zu hoffen, dass sie zu jener Zeit besser in Schuss waren, denn die vielen losen Steine sind echte Knöchelbrecher.
Wir steigen gemächlich weiter, vorbei an Weiden mit ein paar Obst- und Mandelbäumen zwischen den Bergen. Oben am ersten Stück lassen wir einen Umweg ins weiße Benaocaz links liegen, um ein paar Kilometer zu sparen. Mit 27 Kilometern ist die Wanderung lang genug. Schade ist es schon, denn auch das soll ein sehr schönes altes Städtchen sein. Aber am Ende der Abkürzung stoßen wir trotzdem noch auf ein Stück Geschichte. Mitten im Grünen, mit einer herrlichen Aussicht, steht das Hotel Agua Nueva, das hier in den 60er- und 70er-Jahren glänzte, aber nun schon seit mehr als 40 Jahren leer steht. Das riesige Gebäude wirkt inzwischen wie ein Spukhaus. Dass es auf einer alten Schweineschlachterei gebaut wurde, die wegen ein paar verdorbener Schinken schließen musste, trägt auch dazu bei. Nach einem weiteren Anstieg kommen wir in ein höher gelegenes Tal, wo wir über frisches Gras an einer Schafherde vorbeilaufen. Am Ende des Tals führt der alte Weg noch ein Stück bergauf durch Gestrüpp und niedrige Bäume. Oben, an einer Straße, sehen wir nicht weit entfernt wieder ein weißes Dorf liegen: Villaluenga del Rosario. Dieses Dorf hatten wir auf der Karte gar nicht gesehen, aber es ist eine schöne Überraschung. Ein herrliches Sträßchen führt uns ins Dorf. Wieder alte weiße Häuschen, schöne Gassen und prächtige Blumen. Wir sehen viele Schilder mit Payoya Queso. Das Dorf ist offenbar bekannt für seinen Ziegenkäse von der fast ausgestorbenen Payoya-Ziege, aber die Lädchen sind zu, also können wir ihn leider nicht probieren. Nach dem Dorf gehen wir durch dunkle Eichenwälder. Begleitet werden wir vom Kuckuck, den wir seit den Ardennen nicht mehr gehört haben. Nach etwa 12 Kilometern kommen wir auf der anderen Seite des Waldes an einem Hochtal heraus. Eine große grüne Ebene, auf der Kühe, Pferde, Schafe und Ziegen grasen, umgeben von hohen weißgrauen Bergen mit hier und da ein paar Sträuchern oder etwas Gras. Weil sie ganz umschlossen ist, hat sie etwas Magisches. Auf der einen Seite ist sie lieblich, mit den grasenden Tieren, den Blumen und dem grünen Gras auf der sanft gewellten Ebene, auf der anderen Seite machen die kahlen Felsen sie wieder schroff. Eine besondere Mischung. Ein schöner Platz für eine Pause.
Wir genießen die Stille und die Ruhe, die diese Landschaft ausstrahlt. Als wir weitergehen, durchqueren wir das Tal. Zwischen dem Gras und den vielen Gänseblümchen sehen wir wilde weiße Narzissen blühen. Auf der anderen Seite wartet noch ein ordentlicher Anstieg über schmale Bergpfade auf uns, hinauf zum Puerto del Correo, einem Pass ins nächste Tal. Dieser Pass liegt knapp über 1.000 Metern Höhe. Der erste auf dieser Tour und sogar ein bisschen höher als der Col du Donon in den Vogesen. Aber durch die felsigen Gipfel wirkt er viel höher. Auch das nächste Tal ist wieder herrlich. Die große Fläche sieht aus, als wäre sie mit der Wasserwaage glattgestrichen. Das Gras ist übersät mit weißen Steinen, aus denen Mäuerchen gebaut wurden, um das Vieh zu lenken. In der Ferne sehen wir eine Finca liegen, und große braune Kühe grasen gemächlich auf dieser weiten Fläche. Als wir durchs Tal gehen, sehen wir einen Iberischen Fuchs vor uns herrennen, durchs Gras und weiter in die Hügel. Am Weg wachsen Traubenhyazinthen, und neben der weißen wächst hier auch die gelbe Narzisse üppig. Ein wunderschönes Stück Natur. Unten im Tal geht der schmale Pfad in einen breiten unbefestigten Weg über. Gut, um etwas Tempo zu machen, denn es ist schon fast vier Uhr und wir ‚müssen‘ noch 7,5 Kilometer. Kurz noch eine Pause und dann weiter nach Montejaque. Der Weg bleibt von hier an flach, steigt ein Stück an und fällt dann zum Dorf hin ab. Wir genießen noch die Berge, die schönen Bäume, die Kühe, Pferde, Maultiere und Ziegen, die uns begegnen. Nirgends sehen wir einen Hirten oder Hunde bei den Herden, die Tiere können also frei herumlaufen. Sie haben hier ein schönes Leben und müssen sich offenbar nicht so sehr vor Wölfen fürchten wie in den Alpen, wo jede Herde von mehreren großen Hunden bewacht wird. Die letzten Kilometer vergehen schnell, und gegen sechs Uhr kommen wir auf dem noch sonnigen Dorfplatz an, an dem das Hotel liegt. Ein schöner Ort, um nach so einer herrlichen Tour anzukommen. Wie überraschend schön die Berge hier sind!








